Maßvolle Spiritualität

Am besten ist, wenn wir unsere Spiritualität in unsere sonstigen Alltagsbezüge integrieren. Wenn wir es verstehen, maßvoll spirituell zu sein. Klar, für manch einen ist das selbstverständlich und für manch eine umfasst „Spiritualität“ sozusagen sowieso alles.

Doch schauen wir mal genauer hin. Schließlich verlieren sich doch immer wieder einige in irgendeiner Art spiritueller Praxis, heben irgendwie vom Erdboden ab und haben dann riesen Probleme mit „normalen Menschen“ und der Gesellschaft zurecht zu kommen. Und dieser Unfrieden mit der Menschheit kann ja nicht das Ziel von Spiritualität sein.

Oft ist da auch in der spirituellen Praxis ein verbohrtes Übertreiben oder ein krampfhaftes, eiliges Erreichenwollen. Es ist eine häufige Spielart des Ego, stärker spirituell wachsen zu wollen als es möglich und gesund ist. Hier wird der spirituelle Entwicklungsgedanke unterlaufen von Perfektionismus, Kontrollieren-Wollen, Selbsterhöhung, Gier nach mehr, oder von zwanghafter Anstrengung aufgrund von mangelndem Selbstwert („Ich bin erst dann etwas, wenn ich weiter spirituell entwickelt bin…“). Dies gilt es zu erkennen und zu vermeiden.

Spiritualität (von lateinisch spiritus „Geist, Hauch“ bzw. spiro „ich atme“) ist die Suche, die Hinwendung, die unmittelbare Anschauung oder das subjektive Erleben einer mit unseren „normalen“ Sinnen und mit dem Verstand nicht fassbaren Wirklichkeit, die aber tatsächlich – da sind sich alle großen Lehrer und Lehren einig – eine Ebene der Wirklichkeit ist und die der materiellen Welt zugrunde liegt.

So definiert ist Spiritualität nicht „alles“, sondern eben nur eine bestimmte Ebene (der Wirklichkeit). Und eine andere Ebene ist – in Kontrast dazu – vor allem die materielle Ebene. Materiell heißt nicht nur Geld, Auto, Haus, sondern es geht ganz generell um die grobstoffliche Ebene. Diese grobstoffliche, materielle Ebene können wir im Gegensatz zur feinstofflichen, spirituellen Ebene eben sehr wohl mit unseren Sinnen und mit unserem Verstand erfassen. Es geht quasi um alles, was wir anfassen und sehen können.

Was heißt gesundes Maß an spiritueller Lebensweise?

Einerseits stellen wir uns unserer spirituellen Natur, erforschen und ergründen und entdecken sie, versuchen sie in unser Leben einfließen zu lassen. Andererseits stellen wir uns genauso allem Sichtbaren und Anfassbaren um uns herum, so, wie wir es vorfinden. Wir haben zu erkennen, dass Bewusstsein für unsere tiefen Wurzeln und Gefühle einerseits und für das Pragmatische und Weltliche andererseits einander nicht ausschließen. Nur mit einer Integration beider Wirklichkeitsebenen in unsere Wahrnehmung, in unser Denken und in unser Handeln, kommen wir voran im Leben. Zu unserem Besten, und zum Besten aller anderen.

Das Not-Wendige Kümmern um die tiefen, spirituellen Ur-Sachen zu vernachlässigen wäre ungesund, genauso ungesund ist es aber auch, wenn wir das Eingebundensein in einen grobstofflichen Kontext vernachlässigen. Wir brauchen Natur UND Kultur. Wir brauchen die Besinnung, die Innenschau, wir brauchen aber auch die Orientierung am Außen, die Beziehung und Kooperation mit anderen Menschen. Ohne Feingefühl fehlt irgendetwas – ohne „fleischlichen“ Kontakt, also körperlichen Kontakt mit Bewegung, Kraft und Stimme fehlt aber auch etwas.

Der Schrei nach Liebe und das „stink normal Menschliche“

Der Ruf nach (viel viel) mehr Spiritualität, den wir in uns spüren und den wir auch da draußen überall in unserem Zusammenleben zu vernehmen meinen, ist vielen von uns sehr bekannt und vertraut. Doch wie viel davon ist wirklich ein Ruf nach mehr Spiritualität, und wie viel davon ist eher ein Schrei nach mehr Liebe? Und: wenn es auch ein Schrei nach mehr Liebe ist, wie werden wir diesem gerecht? Hier ist die große Falle, in die manch einer tappt: der Schrei nach Liebe wird versucht mit mehr Spiritualität zu stillen, und es findet eine noch weitere Entfernung zum Weltlichen und Menschlichen statt. Dabei bräuchte es gerade dieses „stink normal Menschliche“ – dass wir auf andere zugehen und uns die Bälle zuspielen.

In die Falle tappen wir, wenn wir mit unserer Wahrnehmung, unserem Denken und Handeln eben so gestrickt sind, dass wir Liebe erst einmal (oder ausschließlich) im Spirituellen suchen und nicht im Materiellen… Höchstwahrscheinlich hat diese Prägung ihre Ursache darin, dass in der Kindheit eher viel weibliche und eher wenig männliche Energie vorhanden war. Weibliche Energie geht eben tief ins Spirituelle, männliche Energie geht voll rein ins Materielle. (Begrifflich mag das kurz verwirren, weil „mater-iell“ doch so viel wie mütterlich und weiblich heißt – des Rätsels Lösung ist, dass weibliche Energie eben VOM Materiellen kommt und INS Spirituelle hineingeht).

Wie leben wir also eine maßvolle Spiritualität?

Entscheidend für ein gutes Leben ist, dass wir das Spirituelle UND das Materielle wahrnehmen und leben – an uns, in uns, um uns herum. Dieses „Sowohl-als-Auch“ Denken und Handeln ist die (Er-)Lösung, die Frieden schafft und uns mit den Menschen versöhnt.

Die Kunst ist, beides abzuwechseln – uns eben weder im einen, noch im anderen zu verlieren. Es bedarf der Übung, beide Wirklichkeitsebenen wie ein Pendel schwingend zu betreten und auch wieder zu verlassen.

Wenn wir sehr tief ins Spirituelle abgetaucht sind, machen wir uns bewusst, dass es gut und richtig ist, wieder aufzutauchen. Nach dem Ausstieg aus dem Weltlichen muss wieder ein Einstieg erfolgen. Wir können nicht von heute auf morgen alles ändern und ab sofort den Himmel auf Erden erschaffen. Zwar sind manchmal große Schritte dran, aber da wir sowieso einen langen Atem brauchen, gehen wir lieber Schritt für Schritt und sorgen für genug Pausen und Abwechslung. Die Einstellung „Ich darf Fehler machen“ gibt uns Gelassenheit, erlaubt uns und anderen, Lernende zu sein und uns mutig ins weltliche Geschehen einzumischen. Und wir müssen auch nicht alles ändern! Denn erstens ist schon ganz vieles da, ganz vieles können wir schon, ganz vieles ist schon prächtig und wunderbar. Und zweitens gibt es kein Ziel zu erreichen, keine Messlatte, keine Vorgaben – es kommt nur darauf an, auf dem Weg zu sein, so gut wir können. Nur das ist der Sinn des Lebens.

Wenn du die Saite eines Instruments zu stark spannst, wird sie zerreißen, und wenn du sie zu schlaff lässt, kannst du nicht auf ihr spielen – der Weg zur Erleuchtung liegt in der Mitte zwischen allen gegensätzlichen Extremen.

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